Portrait
Rudolf-Borchardt-Gesellschaft e.V.
Handschrift

Rudolf Borchardt (1877-1945)

ist dank seiner Sprachmacht, aber auch infolge selbstgewählter Isolation unter den Dichtern des 20. Jahrhunderts ein Solitär geblieben, ein poeta doctus mit höchstem Anspruch an sich und andere.

Der Sohn eines ostpreußischen Handelsherrn jüdischer Herkunft wurde geprägt vom Studium der Altertumswissenschaft in Bonn und Göttingen wie durch die Dichtung Georges und Hofmannsthals.

Nach Jahren der Reisen und Krisen von 1903 an in der Toskana ansässig, entwickelte der virtuose Lyriker eine umfassende Vision vom Kosmos alteuropäischer Überlieferung. Im Zentrum stehen gleichrangig die Antike und Dante, für dessen "Göttliche Komödie" Borchardt in jahrzehntelanger Arbeit ein eigenes Deutsch ersann – "Schöpferische Restauration" aus der erneuernden Kraft der Poesie. Epen wie "Das Buch Joram" und der ritterlich gewandete "Durant", aber auch Dramen, landschaftshistorische Essays ("Villa", "Pisa"), selbst Gegenwartsnovellen sollen Muster angewandter Formgeschichte sein. Zahlreiche Übersetzungen und Anthologien für die Bremer Presse, darunter der "Ewige Vorrat deutscher Poesie" (1926), beruhen ebenso auf philologischer Divination.

Allianzen — so schon die Mitarbeit an der Zeitschrift " Die Insel"— waren kaum je von Dauer; der peremptorische Gestus des Dichters gefährdete oft selbst enge Freundschaften wie die zu Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder.

Auch Tagesprosa und Reden, mit denen er in der Weimarer Republik für sein national-konservatives Bild der poetisch-politischen Tradition warb, blieben von geringer Wirkung; nach 1933 versiegten die Publikationsmöglichkeiten fast völlig. Erst postum konnten die zeitkritischen "Jamben" (1935) und das Blumenbuch "Der leidenschaftliche Gärtner", letzter Ausdruck seiner Kulturvision, erscheinen.

Seit 1955 zeigt eine Werkausgabe, seit 1994 eine Briefedition Borchardts Ingenium; die Zahl seiner Leser wächst. Viele Lebens- und Werkbezüge harren aber noch der Erschließung.