Portrait
Rudolf-Borchardt-Gesellschaft e.V.
Handschrift

Leben und Werk

Der Dichter über sich selbst

Ich bin am 9. Juni 1877 meinen in Moskau lebenden Eltern auf einer Heimreise meiner Mutter in Königsberg geboren worden. Beide Eltern entstammten Königsberger Häusern. Obwohl ich meine Vaterstadt seitdem kaum wiedergesehen habe, fühle ich mich nach Familientradition und geistiger Anlage mit Stolz als Ostpreuße.
Mein Vater, der Teeimport betrieben hatte, siedelte 1882 nach Deutschland und schließlich Berlin zurück. Ich trat achtjährig in die Sexta des Französischen Gymnasiums und wurde, bei der Quartaversetzung gescheitert, einem vortrefflichen und humanistisch reichgebildeten Oberlehrer in Marienburg/Ostpr. zur Erziehung übergeben, folgte ihm auch 1893 an das Weseler Gymnasium und bezog Ostern 1895 die Universität Berlin. Die wechselnden Umgebungen meiner Kindheit lehrten mich früh aufmerken und vergleichen. Mein ursprünglich allzu breit angelegtes humanistisches Studium schrumpfte beim Übergange nach Bonn (1896-Herbst 1898) unter Büchelers und Useners großartigem Lehrvorbilde zu klassischer Philologie, und, unter Loeschckes Einflusse, Archäologie, zusammen. Nach einem italienischen Studiensommer und -herbst versuchte ich in Göttingen bei Friedrich Leo mich ausschließlich zum Gelehrten zu bilden, mußte aber endlich begreifen, daß meine Verengerung vorzeitig gewesen war und der erneuerte Trieb zur Breite sie unwiderstehlich überwog. Leos Forscherpersönlichkeit und vom Leben in der Poesie verklärte geistige Anmut ist für Jahrzehnte ein Leitstern meiner Arbeit geblieben.
Ich bin, nicht nur als wissenschaftlicher Arbeiter, sondern auch als Dichter der dankbare Sohn der aus dem Geiste der Romantik wiedergeborenen deutschen Universität. Nicht an die mir nichtssagende zeitgenössische Poesie habe ich angeknüpft, sondern an die in Wissenschaftsformen geschichtschemisch gebundenen Geistesreste der deutschen Poesie großen Stils und vorbürgerlichen Zeitalters. Seit 1898 die Erneuerung der deutschen Dichtung durch Stefan George und Hugo von Hofmannsthal mir auf dem entscheidenden Punkte einer Entwicklung zustatten kam, habe ich daran gearbeitet, mir jene gebundenen Bestände wieder freizuspalten und zu Geist und Körper eines Ganzen zu erheben. Der Ausgleich von Forschung und Dichtung hat von 1901, als ich Göttingen verließ, bis zum Ausbruche des Krieges wechselvolle Jahre mit leidenschaftlichen Bemühungen angefüllt, während deren ich notgedrungen mir zur eigenen Universität und eigenen Tradition werden mußte, weil niemand mehr mich lehren konnte, was ich zu lernen hatte. Seit 1903 reiste ich in Italien. Im Winter 1903 auf 1904, den ich in Pisa verbrachte, erschloß sich mir mit einem Schlage das Mittelalter und brachte alle meine vorgängigen Bestrebungen auf eine neue Einheit; zugleich folgte auf eine zufällige Berührung mit Hegel die Entdeckung und langsame Durchdenkung seiner Schriften und damit die Bestätigung auf dem rechten Wege zu sein. Seit ein ähnliches Entdecken Herders 1897 mich ermutigt hatte, meiner Ahnung zu folgen, hatte nichts so stark auf mich gewirkt.
Seit Sommer 1906 ließ ich mich auf dem Lande, an verschiedenen Stellen der mir längst vertrauten Luccheser Landschaft, nieder. Alle meine erkennenden und gestaltenden Bemühungen waren seitdem darauf gerichtet, für meinen Teil den Überlieferungsbruch des 19. und 18. Jahrhunders auszugleichen und mich im Bereiche meiner Kräfte der Geschichte des menschlichen Geistes unbedingt einzuheilen.
Meine Arbeiten jeder Art, auf weitem Felde gleichzeitig unternommen, blieben in diesem Zeitraume trümmerhaft. Zum Hervortreten fühlte ich mich nicht reif und nicht gestimmt. Veröffentlichungen zufällig ausgerundeter Stücke wurden von zufälligen Anlässen bestimmt. Alfred Heymels, dann Schröders und Hofmannsthals Wünschen nachgebend, trug ich Kleinigkeiten bei und ließ die unveröffentlichten Verse zurückliegender Jahre als ‚Jugendgedichte‘ für wenige Leser drucken. Seit 1911 war ich mit Schröder dem Handpressenunternehmen zweier junger Bremer nahegetreten, für Musterausgaben und Musterübertragungen der zumeist verschollenen großen Weltliteratur. 1914 erschien dort meine Ausgabe von Tacitus‘ Germania, der Text behandelt, die deutsche Umsetzung versucht.
Bei Kriegsausbruch verließ ich Italien und trat als kriegsfreiwilliger Rekrut ins Heer, dem ich, nach schwerer Erkrankung im Westen 1917 zum Generalstab kommandiert, bis November 1918 angehört habe. 1919 begann ich, von neuen Plänen gedrängt, meine Vorkriegsschriften für eine Gesamtausgabe zu redigieren, die nach sieben Bänden ins Stocken geriet und neben der eine Reihe von Einzelpublikationen älterer und neuerer dichterischer Arbeit so lange herlief, wie die Wirtschaftskatastrophe es gestattete. 1921 begründete ich eine Familie, 1922 kehrte ich nach Italien aufs Land zurück.

Mein Streben ist immer darauf ausgegangen, unsere griechische Kulturvoraussetzung von den letzten Resten Roms, der Renaissance, des klassischen Altertums und des Klassizismus abzuscheiden und als urverwandten Reingehalt zurückzugewinnen (Alkestis 1908 und Pindarübersetzung seit 1905, altionische Götterlieder seit 21, wissenschaftlich, Klage der Daphne und der ,Ruhende Herakles‘, dichterisch) unsere römische Kulturvoraussetzung statt auf Klassizismus auf die Geschichtsspannung des germanisch-lateinischen Widertausches zu reduzieren (Villa 1906, Germania 1908-1912, wissenschaftlich, Danteübersetzung seit 1904 und 1908, dichterisch), unsere mittelalterliche Urzeit durch Abbau des falschen Renaissancebegriffes aus der Relation zu lösen und autonom zu machen (Epilegomena zu Dante 1921. Mittelalterliche Altertumswissenschaft 1926, wissenschaftlich. Durant 1904, Bocchino Belforti 1904, Krippenspiel 1922. Päpstin Jutta seit 1905, dichterisch), dadurch den Gegensatz zwischen Klassizität und Romantik durch Form zu überwinden und zur Konstanz des geschichtlichen Lebens im einheitlichen Kulturraum vorzudringen. Die wissenschaftlichen Elemente dieses Gedankenzusammenhanges habe ich in den Nachworten zu meinen Münchener Pressepublikationen sachgemäß zu begründen begonnen und vertrete sie seit 1919 in öffentlicher Rede. Die dichterischen Hauptwerke sind teils unveröffentlicht, teils in langsamer Formentwicklung begriffen. Der Dante ist 1929 erschienen. Die Ausgabe der Reden steht bevor. Die am Gegenpole der Dantearbeit entstandene ,Grundlegung und Wissenschaftslehre der mittelalterlichen Altertumswissenschaft` bereite ich für den Druck vor. Mit meinen Erzählungen beginne ich die gewonnene Anschauungsform auf den Traditionsbruch der Gegenwart anzuwenden.

Es ist mir immer gleichgültig gewesen, ob meine Arbeiten augenblicklichen oder allgemeinen Erfolg hatten, denn sie finden kein Publikum vor. Die Hoffnung, daß sie sich ein Publikum bilden, hat mich nicht getäuscht und ist der einzige Lohn, auf den Bemühungen wie die meinen zielen können.

Meine ,Lebensbeschreibung` hat seit 1927 zu erscheinen begonnen.

(1930)

Rudolf Borchardt (1913):

Biographisch-Bibliographischer Abriss

(Ein vollständiges Schriftenverzeichnis bleibt anderer Gelegenheit vorbehalten)

Rudolf Borchardt, geboren den 9. Juni 1877 in Königsberg i. P. aus altbegüterter, von jeher durch regsame Individuen ausgezeichneter Familie, während ruheloser Kindheitsjahre auf verschiedenen Lehranstalten Berlins, Altpreußens, des Rheinlandes erzogen, studierte seit 1895 in Berlin, wo unerquickliche Verhältnisse ihn lähmten, und kein Lehrer ihn fesselte, dagegen Wilhelm Scherers und Herman Grimms Schriften ihm eine erste geistige Richtung gaben, orientalische und klassische Philologie, seit 1896 in Bonn, wo ihm durch Bücheler, Loeschke und Justi strenge Zucht zuteil wurde, und das Studium Herders ihm das Wesen der Poesie erschloß, klassische Philologie und Archäologie, ging 1898, um sich von dem Eindrucke der kurz zuvor ihm bekannt gewordenen Dichtungen Hofmannsthals zu befreien, und zwischen forschender und schöpferischer Tätigkeit einen Ausgleich zu finden, nach Italien, ließ seit 1900 von Göttingen aus, wohin er sich zum Abschlusse seiner Studien begeben hatte, seinen weit zurückreichenden dichterischen Versuchen, von denen die 1896 privatim gedruckten ,Zehn Gedichte‘ Proben enthalten, die Heroische und Pathetische Elegie folgen, durch die er Hofmannsthals Aufmerksamkeit erregte, lebte nach einer schweren Krankheit, von der er nur langsam aufkam, vielfach auf Reisen, die ihn 1902 in Rodaun in Hofmannsthals persönliche Umgebung brachten, später in Italien, von wo er 1904 das Gespräch über Formen, ein Denkmal der bedeutenden Göttinger Jahre, und 1908 das drei Jahre zuvor gedichtete ´Buch Joram´ publizierte.

In seinen geistigen Prozeß während des abgelaufenen Jahrzehntes gewährt der 1907 von einem Leipziger Buchhändler eigenmächtig herausgebrachte Torso der ‚Rede über Hofmannsthal` hinreichenden Einblick.

Seit 1906 mit der Malerin Karoline Ehrmann vermählt und in Italien fixiert, veröffentlichte er, durch den Mißerfolg des ,Joram´ verdüstert, seine größeren Arbeiten überhaupt nicht mehr, trat dagegen 1909 mit Schröder und Hofmannsthal im Jahrbuche ,Hesperus` zu einer als dauernd gedachten einigen Verbindung zusammen, steigerte dadurch den latenten Konflikt mit George und dessen Freunden zum offenen Gegensatze, der ihn schließlich zwang, gegen niedrige Umtriebe das Strafgericht des ,Intermezzo‘ ergehen zu lassen, mußte sich durch äußere Umstände die zeitweilige Unterbrechung des ,Hesperus` aufnötigen lassen, lebte in Italien mit der endgültigen Gestaltung älterer dichterischer Konzeptionen beschäftigt, suchte sich durch neue Formen der Geschichtsbetrachtung einer Phänomenologie des historischen Geschehens zu nähern, arbeitete gleichzeitig praktisch an der kanonischen Herstellung einer deutschen geistigen Tradition, für die er nach oft gehemmten, geduldig fortgeführten Plänen eine Systematik, und seit 1912 durch Verbindung mit jüngeren Gleichgesinnten eine Organisation hatte schaffen helfen, veröffentlichte seit 1908 gelegentlich Proben aus seinen in diesem Zusammenhange entstandenen Pindar- und Dante-Übersetzungen.

– Die vorliegende Sammlung enthält nahezu seine gesamte lyrische Produktion seit der Heroischen Elegie einschließlich der in der älteren Insel durch Schröder schon veröffentlichten Stücke, und macht erst vor den Produkten der Krisis Halt, für deren Abschluß die Berührung mit der Philosophie Croces entscheidend wurde, und die seinem bis dahin vorwiegend divinierenden Traditionalismus zu einem neuen Begriffe der Freiheit und zu den zusammenhängenden Vorstellungen von der bewahrenden und herstellenden Funktion der Poesie verhalf, die er zuerst in der Heidelberger Rede von 1912, ,Über die neue Poesie und die alte Menschheit` entwickelte.